nur so interessehalber

Erfahrungen mit Flüchtlingen und Migranten zum Thema Bezness

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Beitragvon Fierrabras » 30.11.2016, 14:44

vielleicht weiss das jemand?

gerade eben kam vertretungsweise ein junger Afghane, seines Zeichen 20 Jahre alt und vor 3 Jahren als "besonders schutzbedürftiger Minderjähriger" gekommen, zu mir, der seinen Anhörungstermin vor 2 Tagen einfach "vergessen" habe. wirkte jetzt nicht unter Drogen und auch nicht so psychisch "neben der Spur", dass ich ihm das geglaubt habe. sondern wirkte eher so, als ob er Zeit schinden wolle, in der Hoffnung, dass nun wieder einige Monate bis zum Nachholtermin ins Land gehen (meine Vermutung).
er wollte eine Krankschreibung, die ich ihm verweigert habe (die hätte er bekommen, wenn er am gleichen Tag gekommen wäre), so habe ich nur eine Bestätigung ausgestellt, dass er hier Patient ist (ist ja auch korrekt) und den Termin nicht habe wahrnehmen können (nun ja, "vergessen" wollte ich da lieber doch nicht schreiben, das ist nicht medizinisch ausgedrückt und deshalb unprofessionell ,auch wenn es wahr gewesen wäre).

hat das jetzt IRGENDWELCHE Konsequenzen??? oder kann der beliebig oft die Asylanhörung "vergessen" und weiter bis zum Folgetermin hier Leistungen kassieren??? gibt das irgendwelche "Minuspunkte"?
er ist ja nicht mein Patient, die Kollegen haben in der Akte regelmäßig dokumentiert, wie gut er sich unter den Medikamenten und später auch ohne diese stabilisiert habe...also "krank" ist er (momentan) nicht.
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Beitragvon No Name » 01.12.2016, 21:36

Wenn jemand den Termin unentschuldigt versäumt, dann wird nach Aktenlage entschieden - also ohne daß derjenige die Gelegenheit erhält, Gründe vorzutragen. Was und wie oft als Entschuldigung akzeptiert wird, das entscheidet das BAMF, und bei einer Ablehnung hat man immer noch die Möglichkeit, im Gerichtsverfahren zum Zuge zu kommen ... man kann es also generell nicht sagen, ob es Konsequenzen gibt bzw. wie diese aussehen.
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Beitragvon Nobbylady » 01.05.2017, 09:52

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zwar immer Nachholtermine geben wird, dazu wird er auch eingeladen. In der Zwischenzeit könnte er aber trotzdem abgeschoben werden. Bei unseren Behörden weiß nämlich oft die eine Hand nicht, was die andere macht.
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Beitragvon Fierrabras » 01.05.2017, 11:27

der ist jetzt nach fast 6 Monaten wieder zu meiner Kollegin in die Sprechstunde gekommen, aber da kein Dolmetscher dabei war, war nicht zu klären, wie der Aufenthaltsstatus nun ist (genauso wenig, warum er 6 Monate nicht gekommen ist etc..., ohne Dolmetscher ist das immer so wie Veterinärmedizin..., so ist es zB auch bei "Schnappsleichen" in der Ersten Hilfe).
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Beitragvon Fierrabras » 01.05.2017, 11:28

nun ja, vielleicht sollten wir mal klären, ob er nicht evtl. auch zur Bundeswehr gehört (grins)...
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Beitragvon Efendi II » 01.05.2017, 16:02

Fierrabras hat geschrieben:...aber da kein Dolmetscher dabei war, war nicht zu klären, wie der Aufenthaltsstatus nun ist ?

Warum lasst Ihr Euch nicht den Ausweis zeigen, damit wäre das doch zu klären ?
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Beitragvon Fierrabras » 01.05.2017, 16:08

ohne Dolmetscher? (der war nicht bei mir, vermutlich werden die Kollegen ihm das nicht haben verständlich machen können.)
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Beitragvon Grampusgriseus » 01.05.2017, 17:57

Hallo Fierrabras,

der kommt zu Euch, um sich behandeln zu lassen, ohne sich auch nur annähernd irgendwie verständlich machen zu können? Was wollte er denn? Ich meine: so VÖLLIG ohne Verständigung gehts doch nun auch nicht... bzw. woher wisst Ihr denn, was Ihr mit dem machen sollt?

LG grampusgriseus
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Beitragvon Fierrabras » 02.05.2017, 11:23

nun ja, durch die Unzuverlässigkeit der Flüchtlinge sind wir die letzten beiden Jahre auf erheblichen Dolmetscherkosten sitzen geblieben. nun müssen sie halt selbst für einen Übersetzer sorgen, nur einige wenige Flüchtlinge, die immer zuverlässig waren, kriegen noch einen Dolmetscher von uns gestellt.
wenn kein Dolmetscher mitkommt, ist das halt spaßig...geht manchmal über Google translator, manchmal über hin und hergereichtes Telefon und immer mal wieder eben auch gar nicht.
nun (das muss man leider auch sagen) ähneln sich die Probleme sehr. Es geht so ziemlich immer darum, über ein ärztliches Attest bescheinigt zu bekommen, dass sie eine eigene Wohnung brauchen wegen ihrer Krankheit oder zumindest einen Platz in einem Hostel und nicht in einer Sporthalle oder Hangar.
Wenn sie stark herumschreien und gestikulieren oder auf dem Boden wälzen, dann steht meistens die Abschiebung an...
dann geht es immer wieder um kostenlose Medikamente (was es nicht gibt, wir können für 2-3 Tage Beruhigungsmittel mitgeben, aber mehr nicht) bzw um eine Zuzahlungsbefreiung, wobei sie dabei nicht begreifen, dass eine Einmalzahlung dennoch erfolgen muss.

naja, auch die Anspruchshaltung ist stark. jetzt nicht nur bei Flüchtlingen, sondern auch bei "osteuropäischen EU-Bürgern" ohne Krankenversicherung (weder in ihrem Herkunftsland noch in D.), die ernsthaft glauben, hier bei uns sei alles umsonst zu haben, zB eine stationäre Entgiftungsbehandlung von Heroin...ich versuche dann zu erklären, dass Krankenhäuser Notfälle behandeln müssen (und oft die Kosten bei "Selbstzahlern" eben nicht erstattet bekommen), aber keineswegs elektive Behandlungen. Ich ernte dann immer großes Unverständnis.
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Beitragvon Fierrabras » 23.05.2017, 15:06

Momente der Ernüchterung...vor 2 Jahren kam ein syrischer Flüchtling mit depressiven Symptomen in meine Sprechstunde, damals in Begleitung seiner großen Schwester, die mit einem Deutschen schon lange verheiratet war und einen wirklich guten Eindruck machte. Er wohnte damals noch bei ihr, und sie hatte ihn verdonnert, einen Deutschkurs zu besuchen, wobei sie auch darauf achtete, dass er da auch auftauchte. Er hat dann auch innerhalb von so 4-5 Monaten erstaunlich gut deutsch gelernt (konnte selbst Termine ausmachen), so dass ich damals dachte, ok, mit solchen Leuten könnte die Integration klappen. nun ja, vermutlich aus familiären Spannungen bedingt konnte er nicht länger bei der Schwester wohnen und zog bei anderen Syrern mit geklärtem Aufenthaltsstatus und Wohnung ein. naja, arbeitete schwarz, entdeckte die Freuden des THCs, seine Deutschfortschritte stagnierten...dann war ihm der Weg in unsere Klinik zu weit, da er tatsächlich so ziemlich am anderen Ende der Stadt wohnte. nun nach 1,5 Jahren kommt er wieder zu mir, spricht genauso schlecht deutsch wie vorher und will nun ein Attest, dass er wegen seiner Depression nicht die Sprachkurse habe besuchen können. Die Antidepressiva hat er natürlich seit 1,5 Jahren nicht mehr genommen, er war auch bei keinem anderen Psychiater, arbeitet unverändert schwarz. nun ja, so wird das nie etwas.
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Beitragvon mocca » 23.05.2017, 16:55

Sehr traurig...aber gleichzeitig macht mich so eine Geschichte wütend. Der mann braucht ein Attest so dass er keinen Deutschunterricht besuchen muss,geht aber fleißig weiter schwarzarbeiten?
Welche Arbeit kann man ohne Deutschkentnisse verrichten? Kebab verkaufen?
Als ich vor 15 Jahren nach DE kam, habe ich mich bei einer Zeitarbeitfirma beworben (ein Helferjob) und sie haben mir gleich einen Deutschtest zum Ausfüllen gegeben.
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Re: nur so interessehalber

Beitragvon Fierrabras » 03.06.2017, 17:25

keine Sorge, ich habe ihm das Attest natürlich nicht gegeben, sondern ihn nur freundlich gefragt, ob er wirklich will, dass ich schreibe, er sei die letzten 18 Monate nicht in psychiatrischer Behabndlung gewesen, wennes ihm doch depressionsmäßig ach sos chlecht ginge.
ich hoffe mal, dass er nicht wieder kommt.
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Beitragvon Fierrabras » 26.09.2017, 09:19

weiss das zufällig jemand?

eben kam eine depressive Afghanin zu mir, seit 2 Monaten in D., vorher 6 Jahre in Schweden. Dort stand schliesslich die Abschiebung nach Afghanistan an, daraufhin ist sie mit Familie zu uns geflüchtet. hat jetzt auch schon einen Rechtsbeistand.

würde D. die zurück nach Schweden schicken können? oder Afghanistan (wobei dort ja nur Schwerkriminelle abgeschoben werden)?

ich habe ihr bereits gesagt, dass die unsere Abteilung für den Asylstatus bzw die Verhinderung einer Abschiebung nichts tun kann. mal sehen, ob sie noch mal wieder kommt.
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Beitragvon Efendi II » 26.09.2017, 10:02

Fierrabras hat geschrieben:würde D. die zurück nach Schweden schicken können? oder Afghanistan (wobei dort ja nur Schwerkriminelle abgeschoben werden)?

Umgehend zurück nach Schweden, das wäre der normale Weg, aber normal ist in diesen Umfeld ja schon lange nichts mehr. Da macht jeder was er will, die Gesetze, Verträge und Vereinbarungen sind nur noch Makulatur.
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Beitragvon Fierrabras » 26.09.2017, 10:12

nun ja, ihre jugendlichen Kinder kriegen jetzt Psychotherapie mit Dolmetscher, sie kriegt eine Rücken-OP... ich habe ihr auch Psychotherapie angeboten, aber momentan haben wir (seltsamerweise) nur männliche Psychotherapeuten, was sie ablehnte.
aber wenigsten schien sie nicht kriminell zu sein, dafür muss man jetzt ja wohl schon dankbar sein.

ist eigentlich eine Rückführung nach Schweden auch unzumutbar?
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Beitragvon Efendi II » 26.09.2017, 10:43

Fierrabras hat geschrieben:ist eigentlich eine Rückführung nach Schweden auch unzumutbar?

Möglicherweise, wenn dort diese umfassende medizinische Betreuung nicht gewährleistet ist, wer weiss das schon, wer kann das beurteilen ?
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Beitragvon Fierrabras » 11.12.2017, 11:08

oh Mann, was sind wir für eine Bananenrepublik geworden!!!

ich behandele seit 2 Jahren einen Geflüchteten, irgendwo aus "Schwarzafrika", so sieht er zumindest aus und sein Heimatland hatte er vergessen, Papiere gab es auch keine. Aber er hatte tatsächlich eine Psychose (war stationär, musste fixiert werden und besserte sich unter Neuroleptika in hohen Dosen. Neuroleptika sind unangenehme Medikamente, die nimmt niemand freiwillig, es sei denn, die Bedrohungs-Verfolgungsideen sind dadurch tatsächlich weg). Initial war er nicht krankenversichert, daher bekam er von der Klinik auch die Neuroleptika geschenkt.
Dann stellte sich heraus, dass er einen Unterstützerverein hatte, der ihm sogar ein WG-Zimmer in bester Berliner Innenstadtlage spendierte. Ich hatte dann wiederholt mit ihm zu tun, weil er die Medikamente weiterhin für "umme" haben wollte, um die Rezeptgebühr zu sparen und meiner Ansicht nach der Unterstützterverein das zahle sollte. also: sein Gesicht kennen ich sehr gut.

heute große Verwirrung in der Anmeldung: ein völlig neuer Patient, das ganze Aufnahmeprocedere muss anlaufen und er will Medikation für lau haben. Da nur Ärzte die Medikation verschenken dürfen und auch nur unter bestimmten Bedingungen, wurde ich geholt. nun ja: es ist mein Spezi, mit einer Krankenkassenkarten auf einen komplett neuen Namen, auf einmal 2 Jahre älter....
ich habe ihn dann zur Rede gestellt: ich habe nicht herausfinden können, warum der Name und Geburtsdatum auf einmal geändert wurden, noch was sein Aufenthaltsstatus ist, noch wo er jetzt wohnt. nach 30 Minuten vergeblicher Diskussion habe ich ihm ein Rezept in die Hand gedrückt und ihn hinausgeleitet.

ok, Patienten mit Schizophrenie werden traditionell nicht nach Afrika abgeschoben und auch in viele andere Länder nicht, da finden sich immer wieder "verständnisvolle" Richter, das kennen wir Psychiater schon, also wäre der uns sowieso erhalten geblieben...
aber wie ist so etwas möglich? hat der auf einmal Papiere aus dem Hut gezaubert und ist ihm sein Heimatland doch wundersamerweise wieder eingefallen?

Kennt jemand so eine Situation?
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Beitragvon Grampusgriseus » 11.12.2017, 12:12

:lol: :lol: :lol:
naja, immerhin ist er ja schizophren...da kann er doch wohl auch zwei verschiedene Identitäten haben :mrgreen:

Ich gehe mal davon aus, dass er sicherheitshalber die Krankenkasse gewechselt hat (nachdem er sich einen neuen gefälschten Pass gekauft oder einfach nur seinen alten verloren hat)!?
Und wenn er irgendwann noch mal wieder kommt, und jemand Drittes ist, dann kannst Du die Diagnose ändern :lol:
Das einzige, was gleich geblieben ist, scheint -mal abgesehen von seinem Gesicht- das Symptom zu sein: er braucht unbedingt alle Medikamente kostenlos.
Aber erstaunlich ist es trotzdem, dass er das alles hinkriegt, wenn er wirklich so krank ist...da müsste er ja eigentlich Hilfe haben. Weißt Du, wie der merkwürdige Verein heißt?
Schon mal beim Sozialpsychiatrischen Dienst nachgefragt? Obwohl...auch das ist ja nicht einfach, wenn man nicht weiß, bei welchem :?

Schwierige Kiste...

LG Grampusgriseus
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Beitragvon Fierrabras » 11.12.2017, 12:32

Der Verein heisst Lampedusa in Berlin. eine dort ehrenamtlich tätige pensionierte Ärztin ist sogar ganz verständig (muss wohl das Alter sein), sonst sind es v.a. linksgrüne Lokalpolitiker/innen, mit denen nicht gut Kirschen essen ist (hatte wir schon große Diskussionen über Dolmetscherkosten...auf denen wir nicht sitzen bleiben wollten, denn sonst werden uns Stellen gekürzt, und wir haben eine neue, sehr fähige Arzthelferin mit Migrationshintergrund, deren Stelle dann als erstes gestrichen würde).

er erzählte auch etwas von Heirat, wobei ich auch da nicht draus schlau geworden bin, ob nun es eine Jungfrau aus seiner Heimat ist oder einer der Flüchtlingshelferinnen, ob er mit der zusammen lebt, wie lange er die schon hat (davon war bisher nie die Rede gewesen).
naja gut, man wird es wohl nicht herausfinden können. auch mit Dolmetscher kam nie viel dabei heraus.
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Beitragvon Grampusgriseus » 11.12.2017, 13:39

Nein, das denke ich auch. Da wirst Du nichts herausfinden. Und schon gar nicht über Lampedusa...

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