nur so interessehalber

Erfahrungen mit Flüchtlingen und Migranten zum Thema Bezness

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Fierrabras
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 05.03.2018, 12:59

tja, eben kam einer meiner ersten syrischen Flüchtlingspatienten wieder, den ich seit 2015 kenne. und was soll ich sagen? Er spricht immer noch kein Wort deutsch, hat die Freuden des THC-Konsums entdeckt und wurde sogar wegen Drogenhandels verhaftet (aber wieder frei gelassen).
dabei ist der nicht ungebildet, er spricht gut englisch und hatte in Syrien als "Manager" gearbeitet, also sollte ihm das Erlenen der deutschen Sprache wesentlich leichter fallen als einem Analphabeten, der im Kurdistan Ziegen gehütet hat.

Das geht nun schon seit 3 Jahren so. Wie groß ist denn da die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mann in den nächsten 3 Jahren deutsch lernt und arbeitet (jetzt mal nicht als Dealer)?

ich habe andere auch seit 2015, zB einen syrischen Grundschullehrer, der jetzt fliessend deutsch spricht, einen "Lehrgang" oä macht, damit er hier auch an der Grundschule lehren kann. Problem ist nur, dass der leider genauso wenig in einem Brennpunktviertel arbeiten möchte wie alle anderen auch. oder eine lesbische Ägypterin, die ebenfalls fliessend deutsch spricht, die war schon in Ägypten Sozialarbeiterin und hat hier einen ähnlichen Job gefunden und arbeitet zähneknirschend in einem Brennpunktviertel, wobei sie da ihre sexuelle Orientierung sorgsam geheim halten muss.
aber die beiden nehmen halt keine Drogen.

Fierrabras
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 04.06.2018, 15:44

mal ne andere Frage:

eben kam eine libanesische Familie zu mir, die Mutter war die eigentliche Patientin. Da sie kein Wort deutsch spricht, musste der Sohn (unverschämter Bengel so Anfang 20) übersetzen. Sie quetschte sich in eine Ecke hinter meinen Computer, so dass ich mit meinem Stuhl extra rutschen musste, damit ich überhaupt ihr Gesicht sehen konnte. Sie sagte kein Wort, als ich so rutschte, dass ich sie direkt ansehen wollte, zog sie sich ihr Kopftuch über das ganze Gesicht.
Der Sohn richtete während des Gesprächs auch kein einzigen Mal das Wort an sie, um sie etwas zu fragen, sondern erzähle quasi seine Sicht der Dinge. Das klang alles etwas seltsam, so dass ich zunächst den Verdacht hatte, dass es darum ging, sich Sozialleistungen zu erschleichen. (würde jetzt zu weit führen zu erklären, warum ich diesen Verdacht hatte, aber irgendetwas an diesem ganzen Fall ist faul).
Dann behauptete er, sie wolle sterben. Das ist nun für jeden Psychiater/in ein Alarmsignal, wo man weiter fragen muss. Ich wollte sie stationär aufnehmen, was der Sohn ablehnte mit der Begründung, dass die Mutter nie ohne den Vater irgendwo hin gehe, auch nicht ins Krankenhaus. Außerdem wolle sie dies auch nicht (ohne sie zu fragen).
Ich wollte mit ihr allein sprechen und einen anderen Dolmetscher hinzuziehen. Das hat der Sohn untersagt, er erklärte mir, bei ihnen sei es so üblich, dass die Familie immer dabei sei. Ich hielt dagegen, dass ich nur zu einer exakten diagnostischen Einschätzung kommen kann, wenn ich mit dem/der Patientin allein sprechen könnte, gerade auch ohne die Familie, damit ich Dinge erfragen kann, die die Familie vielleicht nicht wissen sollte. Daraufhin zweifelte er meine fachliche Kompetenz und meine generelle Arbeitsmotivation an, woraufhin ich den Sohn hinausgeworfen habe. Er hat die Mutter natürlich mitgenommen.

Später kam er wieder zur Anmeldung, jammerte die Schwestern voll, er hätte gern einen anderen Arzt und erklärte, die Mutter würde auch zu Hause niemals reden, daher sei ein Dolmetscher sinnlos.

blöde Frage: kann es sein, dass die Mutter misshandelt wird und er deswegen nicht will, dass sie allein mit jemandem redet? oder gibt es eine "harmlosere" Erklärung?
bzw warum darf die Mutter noch nicht einmal mit einer Dolmetscherin (haben wir auch angeboten) und einer Ärztin reden? und warum ist er da so hartnäckig?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Mutter "auch zu Hause niemals redet".
Könnte die Mutter in Gefahr sein? Muss ich da den Sozialpsychiatrischen Dienst informieren? (wobei ich auch da nicht weiss, ob die Dolmetscherinnen für arabisch haben)

bekümmert und verwirrt, Fierrabras

Julija
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Julija » 04.06.2018, 16:06

Hallo Fierrabras,

was wirklich los ist, wirst du wohl nie erfahren.
Als ich den Beitrag gelesen habe, hatte ich zwei Dinge im Kopf:

1.
Natürlich muss die Mutter zu Hause reden, denn sonst könnte der Sohn ja keinerlei Angaben machen. Weder, dass sie akut suizidal ist, noch, dass sie nicht in eine Klinik geht.

2.
Kam es zum Rezeptwunsch? Ich kann mir vorstellen, dass das ein oder andere Benzo gern gesehen wird. Sei es zum Eigengebrauch oder zum Verkauf.

Was ich dir empfehlen kann, aber du wirst das eh selbst wissen, besprech die Situation unbedingt mit deinen Kollegen bzw. in der Supervision. Dann stehst du mit deiner Arbeitsweise wenigstens nicht als die Schuldige da, sollte es weiter eskalieren.
Falls du den Sozialpsyiatrischen Dienst zu ziehen willst, mach das ruhig.
Du gibst ja nur deine Bedenken weiter, die allemal begründet sind. Ob der Dienst dann etwas ausrichtet oder nicht, ist nicht deine Verantwortung.

Ich finde, dass du sehr gut gehandelt hast. Sei weiter konsequent und höre auf dein Gefühl. Du bist gut ausgebildet, hast Erfahrungswerte, bist reflektiert. Es ist das Mindeste, sich verständlich zu machen, wenn man gesundheitliche Unterstützung einfordert. Was hat der Sohn denn erwartet? Lass dich da gar nicht darauf ein. Nicht umsonst gibt es den Spruch "Nur Sprechenden kann geholfen werden". Mehr als einen Dolmetscher anzubieten kannst du nicht leisten.

Fierrabras
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 04.06.2018, 16:29

bis zu einem Rezept sind wir gar nicht gekommen bzw kurzwirksame Benzos geben wir abgezählt mit (zB bei Flugangst), die gibt es so gut wie nie auf Rezept.

Angeblich sei eine Begutachtung durch das JobCenter erfolgt, dort sei gesagt worden, die Mutter brauche psychiatrische Behandlung. Es gab aber leider, leider keine schriftlichen Aufzeichnungen davon. Auf meine weiteren Fragen wurde der Sohn ziemlich unangenehm.
Er behauptete dann, die Mutter könnte nicht mehr essen (sie wog aber schätzungsweise 120 kg...).
Mein Bauchgefühl sagte mir, sie wollen eine AU haben, damit JC Ruhe gibt.

Ich hatte so einen ähnlichen Fall schon einmal. Da hatte JC die Ehefrau für arbeitsfähig erklärt und mit Sanktionen gedroht. Der Ehemann (in diesem Fall) wollte eine AU für am besten gleich 18 Monate. Da durfte ich auch nicht mit der Frau und Dolmetscher allein reden, allerdings hat da der Ehemann ihr meine Fragen übersetzt (oder was auch immer er übersetzt hat). Und sie nahm auch Blickkontakt zu mir auf bzw sprach einige Brocken deutsch-genug, um zu sehen, dass da keine schwere psychische Erkrankung vorlag, worauf ich mich geweigert habe, sie weiter zu behandeln. bzw sie hätte gern weiter kommen dürfen, aber ich hätte keine AU ausgestellt (grins).

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Cosja » 05.06.2018, 01:40

Fierrabras hat geschrieben: Mein Bauchgefühl sagte mir, sie wollen eine AU haben, damit JC Ruhe gibt.

Ich hatte so einen ähnlichen Fall schon einmal. Da hatte JC die Ehefrau für arbeitsfähig erklärt und mit Sanktionen gedroht. Der Ehemann (in diesem Fall) wollte eine AU für am besten gleich 18 Monate. Da durfte ich auch nicht mit der Frau und Dolmetscher allein reden, allerdings hat da der Ehemann ihr meine Fragen übersetzt (oder was auch immer er übersetzt hat). Und sie nahm auch Blickkontakt zu mir auf bzw sprach einige Brocken deutsch-genug, um zu sehen, dass da keine schwere psychische Erkrankung vorlag, worauf ich mich geweigert habe, sie weiter zu behandeln. bzw sie hätte gern weiter kommen dürfen, aber ich hätte keine AU ausgestellt (grins).
Hm. Ganz weltfremd sind ja die Sachbearbeiter vom Jobcenter auch nicht.
Für welche Art von Arbeitsstelle würde denn die Frau vermittelt werden können, wenn sie kein deutsch sprich ... ja, sich nicht mal schriftlich oder telefonisch um eine Arbeitsstelle bewerben/kümmern kann.
Selbst als Reinigungskraft sollte sie ein wenig deutsch sprechen.

Fierrabras
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 05.06.2018, 09:39

geht meistens erst einmal um die Teilnahme an einem Deutschkurs....

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Efendi II » 05.06.2018, 10:12

Cosja hat geschrieben:Für welche Art von Arbeitsstelle würde denn die Frau vermittelt werden können, wenn sie kein deutsch sprich ... ja, sich nicht mal schriftlich oder telefonisch um eine Arbeitsstelle bewerben/kümmern kann.
Selbst als Reinigungskraft sollte sie ein wenig deutsch sprechen.
Solche Leute sollten auch kein Arbeitslosengeld bekommen, die sind schlichtweg nicht vermittelbar.
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von EmilyStrange » 05.06.2018, 11:03

Das die Mutter misshandelt wird, kann ich mir insofern nicht vorstellen, als dass es ja keinen Sinn machen würde, mit ihr dann aufgrund psychischer Probleme zum Psychiater zu gehen.
Warum sollte der Sohn oder der Mann dieses Risiko eingehen?

Ich kann natürlich auch nur spekulieren, aber mir kommt es so vor, als hätten sie es vorher abgesprochen, dass sie einen auf traumatisiert macht um entweder an Medikamente zu kommen, oder um für sich oder einen Angehörigen eine AU zu bekommen, weil sie ja der Pflege und Aufsicht bedarf. Eventuell auch, um im Falle einer drohenden Abschiebung die koppkranke und schwer traumatisierte Mutter als As im Ärmel zu haben.
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Julija
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Julija » 05.06.2018, 13:04

Vielleicht auch eine Mischung aus allem. Einige Menschen haben ja diese "Alles mitnehmen, was geht"-Mentalität. Erlebe ich beruflich gerade auch. Am besten noch mit dem Zusatz "... mit möglichst wenig Anstrengung verbunden".
Aktuell habe ich den Fall einer immigrierten Familie aus dem Orient (es hieß mal Syrien, ist aber wohl falsch), die FORDERN, dass der Deutschlehrer zu ihnen nach Hause kommt, weil es den Eltern nicht zugemutet werden kann, 450m zu Fuß zur Bildungsstätte zu gehen. Aber das müssen wir ja verstehen. Es liegt am Wetter. Die Sonne zu heiß, der Wind zu kühl, der Regen zu nass.
Zum Glück sind das hier EInzelfälle.

Das, was Emily schrieb, klingt sehr wahrscheinlich. Ein Attest ist doch immer gut. Wer weiß, wofür man sowas braucht.

Und Menschen, die dann wirklich Hilfe annehmen wollen und die wirklich nicht so leisten können, wie sie sich wünschen, weil sie wirklich krank sind, haben es dann noch schwerer. Sie kriegen kaum einen Termin bei Fachärzten, schämen sich wegen ihrer Erkrankung und bekommen den Faul- oder Simultantenstempel.

Also, fierrabas, echt Respekt vor deiner Arbeit.

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 05.06.2018, 13:17

aber warum will der Sohn dann partout nicht, dass die Mutter allein mit mir via Dolmetscherin spricht? oder er fürchtet, dass sie die Rolle der Kranken dann nicht überzeugend genug spielen kann...

Ich hatte jetzt ein Bewerbungsgespräch in einem Krankenhaus in einem wirklich gutbürgerlichen Viertel. Leider können die mir erst gegen Jahresende sagen, ob sie für 2019 jemanden zusätzlich einstellen können. (die suchten momentan niemanden mit meiner Qualifikation). naja, vielleicht wird es dann etwas.

Ich bin allmählich so genervt, dass ich am liebsten in meinen neuen Arbeitsvertrag aufnehmen lassen möchte: "muss keine Flüchtlinge behandeln". Die wenigen netten und zuverlässigen Flüchtlingspatienten kann ich an einer Hand abzählen. So spontan fallen mir 5 ein. Dann gab es einige, die so ok nett waren und so einigermassen die Termine einhalten konnten. Das waren vielleicht so 25. Mit denen war es erträglich. Naja, und dann den Rest (ca. 2/3!!!)...so wie oben beschrieben.

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Agadirbleu » 06.06.2018, 09:47

@ fierrabras

ich bewundere dein Durchhalten in diesem mehr als stressigem Beruf!
Hoffentlich klappt es mit dem Wechsel in eine ruhigere "Zone"!
aber warum will der Sohn dann partout nicht, dass die Mutter allein mit mir via Dolmetscherin spricht? oder er fürchtet, dass sie die Rolle der Kranken dann nicht überzeugend genug spielen kann...
Ich mutmaße, dass seíne Mutter nicht überzeugend die Kranke spielen kann!
ER hat ganz klar ein Ziel im Auge, er sucht seinen Vorteil, der wo immer auch liegen mag, aber er hat ihn im Hinterkopf, da bin ich mir sicher.
Gibt es keinen Ehemann? habe ich das überlesen? oder ist er - wie Ehefrau - der deutschen Sprache nicht mächtig?
In seinem Heimatland würde nicht lange gefackelt, so denn er überhaupt einen Facharzt zu Gesicht bekäme und ihn bezahlen könnte.
Und die Bezahlung erfolgt im Voraus, - unabhängig vom Erfolg !

Mich macht es wütend,
dass diese Pseudo-Patienten einem Patienten, der Hilfe tatsächlicher Hilfe bedarf, einen begehrten Platz wegnehmen,
dass Kosten anfallen, die von der Allgemeinheit getragen werden müssen,
dass dieses absolute Anspruch Denken seitens der Flüchtlinge uferlos ist und als "Bringschuld" angesehen wird.

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von EmilyStrange » 06.06.2018, 10:44

Fierrabras hat geschrieben:aber warum will der Sohn dann partout nicht, dass die Mutter allein mit mir via Dolmetscherin spricht? oder er fürchtet, dass sie die Rolle der Kranken dann nicht überzeugend genug spielen kann...

....
Vermutlich - ich vermute, dass man schon einiges abliefern muss, um als traumatisiert attestiert zu werden - zumindest von Therapeuten, die ihren Beruf ernst nehmen. Rumschweigen, muksch sein und rumstammeln wird da nicht helfen.

Vielleicht bauen sie auch auf zusätzliche finanzielle Hilfe. Letztlich gehts ja immer ums Geld...
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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 06.06.2018, 14:47

tja, wir hatten gerade Supervision, und ich musste mir "mangelnde kulturelle Sensibilität" vorwerfen lassen... Es hat mich echt viel gekostet, um ruhig zu bleiben. habe noch mal nachgedacht, bin aber zu dem Schluss gekommen:
ICH LASSE MICH NICHT VON UNVERSCHÄMTEN JUNGEN BENGELN BESCHIMPFEN!!! UND ICH BEHANDELE DIE PATIENTEN SO WIE ES HIER ÜBLICH IST.

hatte den ganzen Tag Visionen von dem gutbürgerlichen Viertel---vielleicht klappt es ja 2019.

Es wird sich jetzt ein anderer Kollege mit dieser Familie herumschlagen müssen, aber der ist vielleicht "kultursensibler"....

aber vielleicht mache ich doch mal so ne Weiterbildung zum Thema "Kultursensibilität", um mich mit meinem Herzensthema "Wie verhindere ich, dass ich blöden unverschämten muslimischen Rotzbengeln, die mich beleidigen und meine Kompetenz in Frage stellen, nicht immer hinauswerfe?"

(wobei ich vor einigen Wochen auch einen deutschen Rotzlöffel hinausgeworfen habe, der aus Sparsamkeitsgründen Benzos nicht auf dem Schwarzmarkt kaufen, sondern stattdessen von mir verschrieben bekommen haben wollte und mich bei meiner Weigerung als F.... titulierte.)

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Julija » 06.06.2018, 17:18

Fierrabras hat geschrieben:tja, wir hatten gerade Supervision, und ich musste mir "mangelnde kulturelle Sensibilität" vorwerfen lassen...

Ich verstehe genau, was du meinst!
Ich habe schon vor einigerZeit mal davon berichtet, weil ich das genauso erlebt habe. Deshalb habe ich mir angewöhnt, explizit auf meine Sprache zu achten, aber eben auch zu meinen Aussagen zu stehen, wenn sie dennoch angefeindet werden.
Es ist auch sehr viel besser geworden.
Nur bei mir ist es so, dass ich es mir bewusst war als ich meinen Beruf ergriffen habe. Es ist auch Teil meiner Ausbildung gewesen.

Dir wurde deine Zielgruppe ja vorgesetzt ohne den passenden Rahmen zu haben. Das ist verantwortungslos. Ein Klempner kann auch nicht plötzlich zum guten (!) Fliesenleger werden.

Was mir geholfen hat: Ich habe mich intensiv mit umgekehrter Diskriminierung/Rassismus beschäftigt und das auch mit in die Supervision genommen. Meine Erfahrung ist, dass Souveränität mehr wirkt als tausend Studien und mein eigenes Credo "Ich steh zu dem, was ich verantworten kann" hält mir auch den Rücken frei. Das wirst du sicherlich kennen.

Für dich tut es mir leid, dass sich ein so wichtiges Arbeitsfeld solche Formen angenommen hat, dass du dich gar nicht mehr wohl fühlst. Das kann man dann wohl unter draingain zusammenfassen.

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 06.06.2018, 18:12

Ich habe mich schon an einige Dinge gwöhnt bzw mir diese abgewöhnt. Ich spreche inziwschen jeden Patienten eisern auf deutsch an (denn die Unterstellung ist ja, wenn man "nicht deutsch" aussehende Leute auf englisch oder einer anderen Sprache anspricht, dass die für einen ja nicht "zu Deutschland" gehören bzw gar nicht deutsch sein können). Ich frage nie mehr, wo die Leute herkommen, da ich gelernt habe, dass dieses "wo kommst du eigentlich her?" auch eine ungeheuerliche Beleidigung sei. Ich sage niemals jemandem, dass er/sie aber gut deutsch spreche. Ich frage auch nicht mehr, ob jemand arbeitet oder wovon er/sie lebt. In unserem Brennpunktviertel leben ca. 60% unserers Patientenklientels von Transferleistungen, also muss ich in vielen Fällen gar nicht fragen.
Über Politik spreche ich niemals, weder mit Patienten noch mit Kollegen. Insbesondere nicht über die Flüchtlingspolitik bzw gelegentlich erinnere ich junge Kollegen freundlich daran, dass sie sich strafbar machen, wenn sie als Arzt wissentlich eine Fehldiagnose stellen und dass da sogar ihre Approbation gefährdet sein könnte.

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Julija » 06.06.2018, 18:52

Liebe Fierabbas,

ich bin gerade sprachlos.

Die Dinge, die du nicht mehr erfragst, sind doch wesentlich für eine gute Behandlung.

Ich hätte jetzt eher mit Belanglosem gerechnet. So nach dem Motto "Wir brauchen für diese oder jene zugewanderten Mitmenschen eine spezielle Ausrichtung, ein anderes Konzept, andere Methoden usw., weil sie eben zugewandert sind." Sowas wurde mir mal angekreidet. Aber auch "nur", weil ich das "weil" zu sehr betonte.

Du musst doch wissen, wie der Tagesablauf ist. Gerade bei psyiachtrischen Behandlungen ist doch das Lebensumfeld enorm von Bedeutung.
Jemand, der an der Supermarktkasse arbeitet, muss in der Tat nicht wissen, wo das Geld herkommt, welche Arbeit er hat und anderes.

Das ist doch der Wahnsinn. Wie sollst du denn da noch gut behandeln können?

Ich drücke dir ganz doll die Daumen, dass du da wegkommst. Wahrscheinlich ist das wie so oft eine Geldfrage.

Was aber bleibt sind dann die Ärzte, die nicht mehr gut betreuen, weil sie Angst haben etwas falsch zu machen. Das ist doch paradox.

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 07.06.2018, 11:21

nun ja, zumeist kriege ich mit, was da los ist, weil normalerweise sofort nach einer AU gefragt wird, meist mit dem Hinweis, das Job-Center mache Stress.
bzw wenn die Frage nicht kommt, frage ich nach, ob eine AU nötig ist. Viele Selbständige allerdings wollen unter keinen Umständen eine AU, das gibt mir dann schon zu denken, was da so schief läuft mit unserem System...die Selbständigen erzählen auch meistens von sich aus, was sie arbeiten und sind stolz darauf. (ok, Späti-Betreiber jetzt vielleicht nicht, aber Firmeninhaber (kleine Betriebe) schon).
bei den "Geflüchteten" frage ich den Dolmetscher, welche Sprache da gedolmetscht wird. Auch da wird schnell klar, wie es um den Asylstatus steht, da ich um ein Gutachten "angebettelt" werde (wobei der behandelnde Arzt nie gutachterlich tätig sein darf, da sind nur kurze Stellungnahmen erlaubt, die noch nie geholfen haben...) bzw bei anerkannten Flüchtlingen eben nicht gefragt wird.

oft weiss ich aber schon über die Lebensumstände Bescheid, wenn die zur Tür reinkommen, mit kleineren Variationen ist es: kein Schulabschluss und/oder keine abgeschlossene Berufsausbildung, Schulden (Handy!!!), bei jungen Männern oft Spielsucht, drohender Wohnungsverlust oder bereits eingetreten, wohnen dann bei Eltern, anderen Verwandten oder Freunden, Drogen, oft Hepatitis C und/oder HIV, alternativ Opiat- und Benzodiazepinsubstitution, wobei sich der Substitutionsarzt weigert, die Benzos weiter zu verschreiben und wird das übernehmen sollen, bei Frauen oft Sorgerechtsstreitigkeiten/entzug wegen mangelnder Erziehungsfähigkeit, laufende Strafverfahren v.a. bei jungen Männern und eben das "Stress-machende" Job-Center.

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Maria2017 » 07.06.2018, 18:40

Liebe Fierrabras,

mich machen Deine Ausführungen gerade so sprachlos und so ärgerlich. Ich selbst habe einen so schweren Weg hinter mir.
2015 wurde bei mir - allerdings vom Hausarzt - ein Burnout diagnostiziert. Genau 2 Monate übernahm dann meine Krankenversicherung
die Kosten. Nach 2 Monaten wurde ich zu einem Arzt geschickt, der mich Begutachten sollte. Ich kam dann in den Aufenthaltsraum
und siehe da, ich fühlte mich genau so wie die Werbung es mir in dem Raum vorgemacht hatte. Was soll ich sagen: die Gutachterin stellte
fest, dass ich simuliere und dass weder ein Burnout noch ein anderes psychisches oder physisches Problem vorlag. Heilungserfolg: Ich solle
arbeiten gehen, dann würde ich abgelenkt werden.
Da ich leider sehr nahe an Suizidgedanken war "schleppte" mich mein Mann in eine Psychiatrie. Ich wurde dort für 3 Monate Stationär aufgenommen. Diagnose:
schwere depressive Episode. Die Versicherung feilschte nun auch noch um meine angefallenen Kosten. Ich musste einen Rechtsanwalt
einschalten. Nicht dass ich gerne in der Klinik war, aber es ging zu diesem Zeitpunkt nicht mehr anders.
Was mich jetzt so wütend macht ist, dass unsere Bereicherer tatsächlich noch nie in das soziale System eingezahlt haben, hierher kommen
den Kranken mimen, es tatsächlich Ärzte gibt die einen "Freischein" ausstellen und sie noch nicht mal Fragen beantworten müssen.
Ich verstehe das System nicht mehr.
Schade, dass dann einem Menschen wie Dir Unsensibilität vorgeworfen wird. Kann ich nicht verstehen, macht mich sprachlos und tut mir für Dich sehr leid.

Ich habe mir ja schon 2 Jahre gedacht, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird, aber dass es so krass ist "kopfschüttel"

Liebe Grüße
Maria
Enttäuschung bedeutet Ende einer Täuschung

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 28.06.2018, 15:56

nun ja, als Arzt/Ärztin muss man/frau aushalten können, dass man/frau den Patienten/innen nicht immer helfen wird können. (so gehört in meiner Supervision).
ok, im Studium habe ich das natürlich auch gelernt, hatte aber dabei -wie naiv ich doch war. geglaubt, dies beziehe sich auf unheilbar Krebskranke oä.

Nun, was muss ich jetzt lernen? Du als Behandler/in musst irgendwie damit klar kommen, den ganzen Frust/Vorwürfe (reicht bis unterlassene Hilfeleistung) weg zu stecken.

Worum geht es heute? ja, ganz richtig, mal wieder ein irakischer Kurde, 2014 bis 2016 in Dänemark mit seiner Familie gewesen. Vor der drohenden Abschiebung nach Deutschland geflüchtet, also seit 2016 in Berlin, auch hier wurde der Asylantrag abgelehnt, aber weil er bis in alle Ewigkeit klagen darf und so lange Abschiebeschutz (nach Dänemark!!!) herrscht, tut er das auch. Und nun ist er natürlich auch krank. (ok, die schlechte Stimmung und die Schlafstörungen nehme ich ihm sogar ab). Diese habe ich ihm sogar bescheinigt und geschrieben, dass es aus ärztlicher Sicht sinnvoll wäre, wenn er und seine Familie eine größere Unterkunft kriegen könnten (das ist sogar richtig). Aber in Berlin gibt es keine bezahlbaren großen Wohnungen, schon gar nicht in den Innenstadtvierteln. So kam heute eine Flut von Vorwürfen über mich herein...meine Medikamente helfen auch nichts und meine Atteste seien "für den A...". (ok, ob er es so gesagt hat, weiss nicht nicht, kann auch der Dolmetscher gewesen sein). Angeblich kriegten andere Flüchtlinge in seiner Einrichtung bessere Atteste und größere Wohnungen.
Aber heute musste ich ihm über den Dolmetscher erklären, dass ich mich strafbar mache, wenn ich bewusst eine Fehldiagnose stelle. Tja, und genau das sollte ich tun.
Ich bete, dass er nicht wieder kommt...und Supervision (s. oben) ist auch für den A... (jetzt meine Meinung).


frustriert, Fierrabras

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Re: nur so interessehalber

Beitrag von Fierrabras » 28.06.2018, 16:18

achso, "Riesenbaby" ist auch nicht wieder gekommen, nachdem es bemerkt hat, dass wir nicht helfen können.

Und auf Wunsch der Krankenhausleitung bieten wir jetzt ein "Flüchtlingscafe" an, dh um die Hemmschwelle zur Psychiatrie zu senken, setzt sich eine unserer Pflegekräfte mit Keksen und Kaffee in einen Raum (1x monatlich) und plaudert mit den Flüchtlingen. Ich weiss nicht, wie viele Flüchtlinge sich dort blicken lassen, aber ich weiss, dass bisher kein einziger über diesen Weg in ärztliche Behandlung gekommen ist.

ok, es mag sein, dass tatsächlich einige der Flüchtlinge tatsächlich eine posttraumatische Belastungsstörung haben. Diese sollten natürlich eine qualifizierte Therapie bekommen können.

Und ich weiss auch -sogar aus eigener Erfahrung- dass Perspektivlosigkeit, (drohende) Arbeitslosigkeit, ungewisse Zukunftsaussichten, beengte Wohnverhältnisse mit mangelnder Privatsphäre und Lärm bzw Migration per se psychisch krank machen können, dann aber mit Depressionen. Vor 25 Jahren hatte ich ein Arbeitsverhältnis, welches immer nur über einige Monate ging und dann immer wieder verlängert werden musste, wobei nie klar war, wie lange, und da es damals eine Ärzteschwemme gab, war nicht klar, wo und wann ich eine andere Arbeitsstelle würde finden können. Ich erinnere mich noch gut, wie mich dies im wahrsten Sinne des Wortes niedergedrückt hat.

Aber mit unserem Duldungsunwesen bzw diese jahrelangen Unsicherheit machen wir die Leute krank bzw verlängern diesen Zustand auch noch.
Ich weiss nicht, über wie viele Jahre der oben porträtierte Flüchtling noch wird klagen können bzw ob er dann nach Dänemark zurück gebracht wird und sofort wieder den Zug zurück nimmt (war ja jetzt gerade mit einer nigerianischen Familie, die postwendend aus Frankreich zurück in ihre Unterkunft kam und an der Grenze wohl gar nicht kontrolliert wurde). Aber ich bin mir sehr sicher, dass kein einziges Antidepressivum, Schmerzmittel, Schlafmittel oä diesem Typen hier wird helfen können. Das könnte nur die unbefristete Aufenthaltsbescheinigung.

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