Nicht so einfach weggesteckt

Austausch über gemachte Bezness-Erfahrungen in diesem Land

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Wut-und-Ohnmacht
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Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 14:08

Mhhmm, ich habe diese Homepage und dieses Forum nach längerer Suche im Internet entdeckt. Irgendwie reizt es mich, mir hier Luft zu machen und mir als indirekt Betroffenem (Kind einer Frau, die mit einem kurdischen Heiratsschwindler verheiratet war) bestimmte Dinge von der Seele zu schreiben. Ich bin diesbezüglich aber immer noch nicht vollkommen mit mir im Reinen.

Will ich das überhaupt hier alles ausbreiten und aufschreiben? Und was sollte es mir (nach all der Zeit) überhaupt noch bringen, es dennoch zu tun..? Diese und ähnliche Fragen sind nach wie vor da. Und ich könnte sie niemals eindeutig beantworten.

Fakt ist jedenfalls, dass bei mir eine latente Wut und eine gleichsam beklemmende Ohnmacht zurückgeblieben sind. Viele Leute (sogar die meisten von ihnen...) haben mir immer wieder gesagt, ich solle doch nur nach Vorne in die Zukunft schauen und alles Vergangene für immer ruhen lassen.
Dann realisiere ich aber immer wieder, dass dieses Subjekt, dieser Kurde also, auch mich zu seinem Opfer gemacht hat. Ich habe es (damals) nicht geschafft, mich gegen ihn zu wehren und den Preis dafür zahle ich noch immer. Könnte es mir da helfen, aufzuschreiben...? Ich weiß es noch immer nicht zu 100%.......

Habe Absätze eingefügt. Gruß, gadi

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Cimmone » 19.09.2019, 14:19

Hallo Wut-und-Ohnmacht,

herzlich Willkommen im Forum von 1001Geschichte.
Das Team wünscht Dir einen guten und klärenden Austausch.

-----------------------------------------

Es tut immer gut, sich ungeklärte Angelegenheiten von der Seele zu schreiben.
Es muss auch nicht sortiert und strukturiert sein....das kommt dann von ganz allein.
Cimmone 🐬
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von gadi » 19.09.2019, 14:39

Liebe Wut-und-Ohnmacht,

ich möchte Cimmones Beitrag zustimmen, grundsätzlich ist es meistens besser, Probleme "auszusprechen".
Von unserer Seite aus bist du jedenfalls herzlich mit deinem Anliegen willkommen.
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von EmilyStrange » 19.09.2019, 14:42

Hallo
erfahrungsgemäß tut es IMMER gut, belastende Dinge jemandem zu erzählen, oder sie auch einfach nur aufzuschreiben.
Wenn du dir nicht sicher bist, ob du das im Internet tun willst, schreib es doch zunächst nur für dich auf - den Text kannst du später ja immer noch veröffentlichen.

Deine Erlebnisse scheinen schon eine ganze Weile zurückzuliegen, sie drängen aber immer wieder hoch.
Der Rat, nach vorn zu schauen ist durchaus berechtigt, heißt aber nicht gleichzeitig, alles wegzuschieben, denn es kommt ja doch immer wieder hoch.

Was es dir bringen kann? Nun, im besten Fall, dass du es wirklich irgendwann hinter dir lassen kannst.
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 15:26

Vielen Dank für Eure Antworten.Ok., vielleicht habt Ihr ja recht mit Euren Aussagen - und es hilft aufzuschreiben. Werde also hier anfangen, bald ist der Akku in meinem iPhone aber leer....

Wenige Monate ( ich glaube nicht mal, dass es ein ganzes Jahr war) vor ihrem Tod hatte meine Mutter wieder neu geheiratet. Von einer guten „Freundin“ war sie mit einem mehr als zehn Jahre jüngeren türkischen Kurden verkuppelt worden, der als Asylbewerber nach Deutschland gekommen war und eigentlich die Auflage hatte, sich in einer Kleinstadt in der tiefsten ostdeutschen Provinz aufzuhalten. Ich hatte damals ein sehr angespanntes Verhältnis zu meiner Mutter, die immer noch in der norddeutschen Kleinstadt lebte, aus der ich ursprünglich stamme. Von dem Kurden kannte ich nur seinen Namen und war auch nicht bei der Hochzeit. Ich glaube, sie hat ihn mir einmal in dem Döner-Imbiss in Hamburg vorgestellt, in dem er damals arbeitete. Dann, kurz nachdem ich mich an der Uni zu meiner Abschlussprüfung angemeldet hatte, erfuhr ich, dass meine Mutter unheilbar an einem Glioblastom erkrankt war. Drei Monate später - nach einer Odyssee durch diverse Krebs- und Sterbestationen war sie tot. Sie war mir damals nicht wirklich nah, und außerdem lebte ich mehre hundert Kilometer entfernt in einer anderen Stadt; dennoch habe ich sie mehrmals (was nicht einfach war) besucht und den kontinuierlichen Verfall mitbekommen. Dass die „Ehe“ zwischen meiner Mutter und diesem ... nicht ideal gewesen sein könnte, erfuhr ich das letzte Mal, als ich sie lebend sah: Sie war vollkommen aufgewühlt, dass er sie nicht besuchte.

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Cimmone » 19.09.2019, 15:36

Deine Mutter hatte an die Liebe geglaubt. Und war mehr als irritiert, dass ihr Mann ihr in dieser schweren Zeit nicht zur Seite stand.

Du hast eine schlimme Zeit hinter Dich gebracht.
Darf ich fragen, wie lange der Tod Deiner Mutter zurückliegt?
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 18:41

Akku lädt wieder (...)

Zur Trauerfeier war der Mann noch mit in der Kapelle. Schon bald darauf ging es um das Thema „Erben“. Gleichzeitig erfuhr ich mehr und mehr unangenehme Details über den Kurden und seine Masche bzw. über seine Spielart des „Bezness“. Er hat wohl ganz kurz vor der Abschiebung gestanden (wegen Verstoßes gegen die Asylauflagen), und die Heirat mit meiner Mutter hatte ihn im letzen Augenblick den Arsch gerettet. Eine Freundin soll er auch gehabt haben, die ihn aber nicht retten wollte. Davor soll es auch noch ein bzw. mehrere Opfer in einer anderen großen norddeutschen Stadt gegeben haben, die dann aber (aus Scham) nicht aussagen wollten. Wenn das mir Berichtete stimmt, hat er eigentlich in der Hamburger Drogenszene am Steindamm gedealt, und das mit dem Döner-Imbiss war nur Tarnung.

Meine Mutter hat ihm ihre Lebensversicherung wohl schon zu Lebzeiten verpfändet, damit sein Bruder sich eine Ferienwohnung an der Türkischen Riviera leisten konnte. Ebenso hat sie ihn wohl großzügig mit Bargeld in fünfstelliger Höhe ausgestattet, damit er in die Türkei reisen und im Vorfeld neue schicke Kleidung und Geschenke kaufen könnte. Offenbar wollte sie sich eine Illusion bewahren und erkaufen. Das Geld für das Bestattungsinstitut haben meine Schwester und ich jedenfalls ganz alleine aufbringen müssen.

Meine Mutter hatte uns ein kleines mit Hypotheken belastetes Reihenhaus hinterlassen - aber kein juristisch einwandfreies Testament. Vielmehr existierte nur ein Dreizeugentestament aus dem Krankenhaus, welches der Anwalt des Kurden abschmetterte. Während offiziell also schon meine Prüfungsphase an der Uni begonnen hatte, wurde ich jeden Tag aufs Neue mit beklemmenden Realitäten und Details konfrontiert.

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 18:45

Danke für Deine Zeilen Cimmone! Es ist schon viele Jahre her, es steckt mir aber immer noch in den Knochen....

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Cimmone » 19.09.2019, 18:51

Ich kann gerade gar nicht beschreiben, wie leid mir diese Erfahrung für Dich und Deine Schwester tut.
Und natürlich auch für Eure Mutter.
Der Kerl ist in die Vollen gegangen - hat sie restlos geplündert.

Und Euch dann auch.
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Cimmone » 19.09.2019, 18:54

Wut-und-Ohnmacht hat geschrieben:
19.09.2019, 18:45
Danke für Deine Zeilen Cimmone! Es ist schon viele Jahre her, es steckt mir aber immer noch in den Knochen....
So etwas verwindet man auch nicht so einfach.

Du kannst hier alles erzählen, alles das Dich immer noch traurig oder wütend macht....wring Dich richtig aus..
Das muss sehr tief gegangen sein.
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Nilka » 19.09.2019, 18:57

Einfach schrecklich, was du zu verarbeiten hast!
Ich bin sauer und trauere um jeden Euro!
Hoffentlich erstickt er an dem Ergaunertem :twisted:
LG ♥ Nilka
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 19:15

Damit begann dann ein dreijähriger juristischer Alptraum. Ich musste an der Uni immer wieder neue Entschuldigungen und Vertröstungen vorlegen, musste um Verlängerungen betteln. Nach der ersten Instanz (Amtsgericht) ging es in die zweite (Landgericht). Das hat alles nur sinnlos viel an Zeit und Geld gekostet, ohne etwas zu bringen. Das Nottestament wurde nicht akzeptiert. Andererseits war das seinerzeit vorgelegte „Ehefähigkeitszeugnis“ (soll es wohl geben) wohl nicht mehr up to Date. Meine Mutter arbeitete damals in der Stadtverwaltung, und ihr Kollege vom Standesamt hat sie wohl auch so getraut, wollte ihr eine Freude machen. Nach drei Jahren hatten wir uns auf eine Art Vergleich eingelassen, um endlich Ruhe zu haben. Dabei haben uns die von meiner Mutter eingesetzten Nachlassverwalter (ihre Nachbarn aus dem Reihenhausblock) im Nachhinein auch ziemlich über den Tisch gezogen, da sie die anfallenden Kosten und Nebenkosten immer mehr in die Höhe getrieben haben. Am Ende habe ich von diesem Haus nur 8000-9000 DM, ein angerostetes (mittlerweile längst verschrottetes) altes Auto und Flohmarktware bekommen

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Cimmone » 19.09.2019, 19:18

Oje.
Das ist so ärgerlich und schade.
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 19:36

Was ist mit heute? Was ist mit dem Jetzt..?

Der Kurde bekommt bis ans Ende seines Lebens von meiner Mutter Witwenrente, wenn er so schlau war, nicht wieder zu heiraten. In der besagten Gemeinde in Ostdeutschland wird er sich wohl nie wieder blicken lassen. Wahrscheinlich wird er nun andere Menschen (Frauen) irgendwo im norddeutschen Raum (Hamburg, Bremen..) mit seiner Masche beglücken, wird Drogen verkaufen etc...

Was aber das Schlimmste ist... Ich bin seitdem nicht wieder vom Boden hochgekommen. Mein Studienabschluss, den ich dann doch noch geschafft habe, war sinnlos: zu lange studiert, zu lange Prüfungszeit, zu schlechte Zensuren. Ich habe beruflich nie Fuß fassen können und hatte auch sonst keinen großen Erfolg in den Jahren danach. Ich lebe von Hartz4 und habe nach Hunderten erfolgloser Bewerbungen nicht mehr viel Hoffnung.

Ich komme immer wieder auf das Thema „Türkei“ zurück. Bis heute habe ich es nicht geschafft, mit meinen diesbezüglichen Emotionen klarzukommen. Die Ohnmacht, die ich empfinde, ist einfach zu groß. Ebenso auch wie die Erfahrung der Demütigung mich immer wiede überwältigt...

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Nilka » 19.09.2019, 19:43

So bitter, dass deine Mutter nicht mehr geschafft hat, den finanziellen Schaden zu begrenzen/abzuwenden.
Sie hat versucht, aber man hat die Bemühungen ( den Testament im Krankenhaus) zunichte machen können :twisted:
Wie ist ist es möglich, dass das geschehen ist!? Sind die Zeugen nichts wert?
War das rechtens und welche Richter sitzen da? Allels rhetorische Fragen.
LG ♥ Nilka
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 19:54

Danke für den Einwand, Nilka! Ja, sie hatte wohl im letzten Moment noch eine Anwältin / Notarin zu sich bestellt, um die Ehe annullieren zu lassen; kurz vor dem vereinbarten Termin ist sie dann aber gestorben....

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 19.09.2019, 20:03

Aber wie gesagt- losgelöst von irgendwelchen finanziellen Schäden... Ich habe immer noch keine Peilung, wie ich das Alles menschlich / emotional usw... einordnen soll...

Justicia

Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Justicia » 19.09.2019, 20:56

Wut-und-Ohnmacht hat geschrieben:
19.09.2019, 20:03
Ich habe immer noch keine Peilung, wie ich das Alles menschlich / emotional usw... einordnen soll...
Dafür gibt es auch leider kein Patent-Rezept.

Vielleicht ist es ein kleiner Trost, dass du durch zwei Instanzen gekämpft hast. So brauchst du dir nicht vorwerfen, dass du nicht alles versucht hättest, den Schaden abzuwenden.

Es tut mir sehr leid, was dir passiert ist.

Meine Eltern sind auch verstorben, meine Mutter auch durch Krebs bzw. die Behandlung gegen den Krebs. Ich habe diesen Verfall auch kaum aushalten können. Mein Studium hat damals extrem gelitten, jedoch konnte ich mich rückwirkend beurlauben lassen. Am Ende habe ich trotzdem noch eine ganz andere berufliche Richtung eingeschlagen, aber das brauchte alles so viel Zeit. Noch heute leide ich unter den Verlust. Ich konnte mich damit abfinden, dass es bis zum Ende meines Lebens weh tun wird, was mir hilft. Das ist eine Typsache.

Wenn es bei euch um DM ging, ist es lange her. Doch wenn solche Erfahrungen nie verarbeitet werden können, dann ist es egal, wie lange sie her sind. Sie fühlen sich immer wieder wie gerade ereignet an.

Deine Mutter wollte noch im Sterbebett ihre Entscheidung rückgängig machen. Umso tragischer, dass keine Zeit mehr blieb. Dennoch kann das auch ein tröstender Gedanke sein. Sie wollte, dass es ihren Kindern gut geht. Es zeigt ihre Reue und Liebe für euch.

Was auch immer dieser Kurde jetzt treibt, du hast keinen Einfluss drauf. Du kannst davon ausgehen, dass er nicht eine Sekunde an dich denkt. Deshalb finde ich es grundlegend wichtig, dass du ihm nicht weiter diese Macht gibst, dein Leben einzuschränken.

Wie solltest du sein Handeln auch verstehen/einordnen können? Du bist nicht wie er. Er ist sehr, sehr arm - emotional gesehen. Ich will dein Leider keinesfalls aberkennen. Du hast jedes Recht dazu, diese enorme Ungerechtigkeit auch in dein Leben zu lassen.

Mir hilft es, mir Zeit zu geben, aber auch Grenzen zu ziehen. Für eine bestimmte Zeit wüte ich und trauere ich. Aber für mein eigenes Wohl fixiere ich einen Punkt, wo ich mich selbst dazu zwinge, wieder meine eigenen Wege zu gehen, gute und sinnvolle Gedanken zu formulieren. Das hört sich sehr leicht an, doch da steckt sehr viel Arbeit dahinter. Ohne mein stabiles Umfeld und in der dunkelsten Zeit auch mit professionellen Ansprechpartnern wäre diese Entwicklung für mich unmöglich gewesen. Heute kann ich differenzieren und mal halbwegs locker sagen "Nein, damit beschäftige ich mich jetzt nicht!" ohne dass es zu einem geistigen Totalunfall kommt. Ganz selten kommt der trotzdem, wenn ich nicht gut auf mich achte. Auch das nehme ich mir nicht mehr übel. Es ist mein Leben mit meiner Biographie. Ich kann sie nicht ändern.

Das sind meine Erfahrungen mit so einen starken Verlust, vor allem in jungen Jahren erlebt, umzugehen. Oder mit Ungerechtigkeiten, die aber mit deinen nicht vergleichbar sind. Vielleicht hilft diese Perspektive dir.

Ich finde es sehr gut, dass du hier zu schreiben begonnen hast. Vieles wird bestimmt aufgewühlt und dir geht es erstmal schlechter, aber ich davon überzeugt, dass es dir helfen kann. Wie ich oben schon schrieb, je länger etwas unverarbeitet bleibt, desto schwieriger wird es auch, sich daraus zu lösen. Du hattest schon einmal einen langen Atem und den Mut für deine Mutter und dich zu kämpfen. Du wirst es wieder schaffen, in deinem Tempo und mit deinen eigenen Methoden. Ich empfehle dir dazu, dich viel mit verschiedenen Bewältigungsstrategien zu beschäftigen. Es gibt zum Beispiel Kurse an Volkshochschulen mit Atemübungen, Meditationen, Yoga, leichte körperliche Aktivitäten. Alles, was dir gut tut, wird dir auch helfen, einen guten Weg zu finden.
An deiner Stelle würde ich meinen Fokus nicht auf Bezness legen. Es ist schrecklich, was euch wiederfahren ist. Doch selbst wenn du die Beweggründe wirklich nachvollziehen könntest, ändert das nichts an deiner Situation. Die negativen Gefühle bleiben leider auch dann, wenn sie erklären kannst.
Achte gut auf dich, betreibe Selbstfürsorge. Ich denke, dass du damit sehr viel erreichen kannst. Auch mit ungerader Vita kannst du dein Leben lebenswert gestalten. Es geht nicht von jetzt auf gleich, aber es geht.

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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Cimmone » 19.09.2019, 21:53

Lieber Wut-und-Ohnmacht,

Das ist schlimm, dass es Dich so getroffen hat, dass Du selbst nach dieser Erfahrung, die nicht Deine Entscheidung war, so danieder liegst.

Der Tod Deiner Mutter wurde bitter überschattet von dem lieblosen und menschenverachtenden Treiben des Kurden und seinem windigen Rechtsverdreher.
Diese schonungslose Habgier der Beznesser hat schon viele in den Ruin getrieben ..... Von denen stehen aber auch viele wieder auf.
Deine Mutter hatte die Chance nicht, aber, wie auch Julija schon schrieb, empfinde ich es auch als tröstlich, dass Deine Mutter ihre Entscheidung wieder rückgängig machen wollte. Nur leider hat ihr die Zeit gefehlt, Nägel mit Köpfen zu machen.

Das der Kurde jetzt die Witwenrente bezieht, würde ich versuchen, auszublenden. Es geschieht.... Und ist nicht zu ändern.

Du hast Dein Bestes gegeben, in den letzten Monaten Deiner Mutter für sie und danach, ihr Hab und Gut zu sichern.

Deine Gefühle bezüglich der Türkei kann ich gut nachvollziehen - da fragt man sich, was da für ein Menschenschlag herangezogen wurde.
Die Beznesser selbst sind sicherlich in der Unterzahl.
Ich würde Dir jetzt gern einen Rat geben können, wie Du das alles loslassen kannst - aber das ist eine individuelle Sache.

Deine Mutter hat euch geliebt und sie hätte nicht gewollt, dass Du jetzt stellvertretend für sie ein schweres Leben hast.
Nach all den Jahren ist es vielleicht sinnvoll, den Studienabschluss über die Wupper gehen zu lassen und eine berufliche Neuorientierung anzustreben?

Auch für Dich wird die Sonne wieder scheinen. Ich wünsche Dir ganz viel Mut und Kraft dazu.
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Re: Nicht so einfach weggesteckt

Beitrag von Wut-und-Ohnmacht » 20.09.2019, 11:07

Liebe Juliya und auch Cimmone,

habt vielen Dank für Eure ausführlichen warmherzigen Antworten!

Rationell stimmt es natürlich, dass es mir gelingen muss, diese Dinge abzuschließen und nach Vorne zu schauen. Jedoch, es gelingt mir nicht.

Das hängt sicher damit zusammen, dass ich die Wucht der Schläge, die dieser Abschaum mir verpasst hat, bis heute spüre. Mein Leben ist in eine Schieflage geraten, aus der ich nie mehr herausgekommen bin.

Ich habe in dieser Phase und bedingt durch diese Umstände einen Menschen verloren, den ich bis heute vermisse. Und wie bereits erwähnt: ich bin ein Opfer geblieben und komme aus dieser Rolle nicht mehr heraus. Diese Erlebnisse und diese Erfahrungen haben mich ein unendliches Maß an Kraft gekostet, die mir in anderen Bereichen fehlte. Kraft, die ich danach nie mehr auftanken könnte.

Anfangs hatte ich noch ganz naiv gedacht, mein Studienabschluss sei doch bestimmt etwas wert, weil er unter derart ungünstigen Umständen entstanden ist. Überzeugt, dass es wichtig war, mich dennoch so angestrengt und bemüht zu haben. Dann habe ich aber gemerkt, dass es in dieser Gesellschaft nicht um persönliche Erfahrungen geht.

So bin ich auf emotionaler Ebene auch nicht in der Lage, zu vergessen. Bei jeder Bewerbung, die wegen meines schlechten Studienabschlusses zurückkommt (wenn überhaupt), und bei jeder Einladung ins „Jobcenter“ denke ich an diesen Mann. Ich habe ihn vor Augen, wenn ich den Platz am untersten Rand der Gesellschaft, den ich jetzt habe, betrachte. Ebenso, wenn ich jetzt vielleicht bald obdachlos sein werde (soll ausziehen, es existiert bereits ein Räumungsurteil, und ich finde aber keinen bezahlbaren Wohnraum...) Und er erscheint immer wieder dann, wenn ich in den Medien höre, wie wichtig doch eine gute Ausbildung sei, dass es einen Fachkräftemangel in D gebe.

Mein Denken hat sich - im Kontext meiner zunehmenden Verzweiflung - in den letzten Jahren jedenfalls geändert... Ich bin im Gegensatz zu Martin Schulz nicht davon überzeugt, dass Asylanten noch wertvoller als pures Gold seien, und ein „Refugees Welcome!“- T-Shirt besitze ich nicht. Auch für die „Seenotrettung“ im Mittelmeer werde ich niemals spenden !!!

Es gibt diese Form von Kriminalität so wie der Morgen auf die Nacht folgt oder der Schnee zum Winter gehört. Es gibt dieses Forum, in dem sich Menschen darüber austauschen (viele andere Fälle inzwischen angelesen...). Es gibt den Enkeltrick aus türkischen Callcentern. Es gibt türkische Drogenclans in Deutschland. All das gibt es, und es wird auch immer so bleiben.

Ich persönlich komme damit aber (leider) nicht zurecht.....

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